Immobilien Zeitung 36 vom 04.09.2025 Seite 24
FOKUS LOGISTIK
Die Zollpolitik ist Fluch und Chance
Welthandel. Handelskonflikte und willkĂŒrlich erhobene Zölle verunsichern Nutzer und Investoren. Die geopolitischen Spannungen könnten langfristig aber auch die Warenströme und StandortprĂ€ferenzen verĂ€ndern. Deutschland könnte davon profitieren.
15, 50 oder 150? Wie viel Prozent Zoll darf es heute sein? Oder wird die Schonfrist doch nochmal verlĂ€ngert? âDie Zollpolitik der US-Regierung hat natĂŒrlich einen starken Einfluss auf den globalen Handel und damit auch auf die Logistikâ, sagt Kuno Neumeier, CEO der Logivest- Gruppe. âGerade im Automobil- und Maschinenbausegment sind die USA ein wichtiger Absatzmarkt fĂŒr Deutschland.â
Gestörte Lieferketten können teuer werden. Wenn Wege blockiert und unterbrochen werden oder ganz wegfallen, mĂŒssen schnell Alternativen gefunden und finanziert werden. Denn stillstehende BĂ€nder in den Fabriken fĂŒhren zu ProduktivitĂ€tseinbuĂen, höheren Kosten, UmsatzrĂŒckgĂ€ngen sowie Reputationsverlusten. Bis jetzt aber seien die Unternehmen und Logistiker eher in Habachtstellung, da die aktuelle Situation keinerlei Planungssicherheit biete, meint Neumeier. âSollten die höheren Zölle der US-Regierung jedoch auch fĂŒr die EuropĂ€ische Union in Kraft treten, mĂŒssten sich auch Produktionen, Lieferketten und natĂŒrlich die Logistikimmobilienwirtschaft darauf einstellen.â Aber bereits zur Pandemiezeit habe sich die Logistik als sehr flexibel erwiesen. âSo wurden beispielsweise aufgrund der Unterbrechungen der globalen Lieferketten deutschlandweit Pufferlager aufgebautâ, erzĂ€hlt Neumeier.
Der Druck auf die Lieferketten habe bisher noch nicht spĂŒrbar zugenommen, heiĂt es in einem Bericht des Immobilieninvestors AEW vom Mai. Das könnte sich aber Ă€ndern, wenn die Warenströme umgeleitet werden mĂŒssten. Die Nachfrage nach Containern und KapazitĂ€ten der HĂ€fen wĂŒrde dann steigen. Die Unternehmen wĂŒrden zudem ihre Strategie Ă€ndern und die Produktion von Just- in-Time zu Just-in-Case Ă€ndern. Das wiederum könnte eine höhere Nachfrage nach LogistikflĂ€chen nach sich ziehen, da mehr Komponenten und Waren direkt vor Ort gelagert werden mĂŒssen.
Der Logistikstandort Deutschland könne also kurz- und mittelfristig von geopolitischen Entwicklungen und der US-Zollpolitik profitieren, meint Moritz HeiĂenberg, Country Manager Germany bei Verdion. âViele Unternehmen setzen derzeit auf Near- und Friendshoring, das heiĂt auf die Verlagerung von Lieferketten in politisch stabilere und verbĂŒndete Regionen.â Deutschland könnte dabei als zentrale Drehscheibe in Europa mit einer gut ausgebauten Infrastruktur eine wichtige Rolle ĂŒbernehmen, insbesondere als Lager-, Distributions- oder Umschlagstandort. Zudem könnten protektionistische MaĂnahmen der USA, wie neue Zölle oder eine Buy- American-Politik, dazu fĂŒhren, dass internationale Handelsströme stĂ€rker ĂŒber die EU abgewickelt werden, betont HeiĂenberg. âAuch hier bietet Deutschland genĂŒgend Potenzial, sich als Umschlagpunkt fĂŒr europĂ€ische und internationale Warenströme zu etablieren.â
Voraussetzung dafĂŒr sei aber, dass Investitionen in die Logistik- und Verkehrsinfrastruktur zielgerichtet umgesetzt werden. Das Sondervermögen der Bundesregierung könne hier wichtige Impulse setzen, vor allem mit Blick auf geopolitische Unsicherheiten wie den Russland-Ukraine-Krieg oder einen möglichen China- Taiwan-Konflikt. âDenn Unternehmen planen zunehmend strategisch und benötigen belastbare, moderne Logistikstrukturenâ, erklĂ€rt HeiĂenberg.
Die Phase handelspolitischer Ungewissheit infolge der US- Zollpolitik habe deutliche Spuren auf dem deutschen Logistikmarkt hinterlassen, meint Karl Klaffke, Senior Consultant Research bei Savills. âAuch wenn die jĂŒngste Einigung zwischen der EU und den USA ein wichtiges Signal darstellt, markiert sie noch keine RĂŒckkehr zur handelspolitischen StabilitĂ€t frĂŒherer Jahre.â Kurzfristige Marktreaktionen wĂŒrden derzeit den Blick auf die tatsĂ€chlichen Auswirkungen der Vereinbarung trĂŒben. âUm Kosten durch angekĂŒndigte Zölle zu umgehen, wurden vielerorts Waren vorzeitig eingefĂŒhrtâ, erklĂ€rt Klaffke. âDas erhöht kurzfristig die LagerbestĂ€nde und verdeckt die mittel- und langfristigen Effekte der Handelsstörungen und globalen Unsicherheit.â
Die Unsicherheit der vergangenen Monate fĂŒhrte dazu, dass viele Nutzer ihre Mietentscheidungen aufgeschoben haben. âVermieter zeigten sich daher verhandlungsbereiter bei den Pachten, um langfristige VertrĂ€ge zu sichern. Sollte sich die Situation im Handelskonflikt als stabil erweisen, ist mit Nachholeffekten zu rechnenâ, sagt Klaffke. DarĂŒber hinaus könnten strukturelle VerĂ€nderungen, wie die Diversifikation von Lieferketten oder eine Verlagerung chinesischer ĂberkapazitĂ€ten nach Europa, mittelfristig fĂŒr zusĂ€tzliche Nachfrage nach LogistikflĂ€chen sorgen. Angesichts der UnwĂ€gbarkeiten sei auch auf dem Investmentmarkt ZurĂŒckhaltung zu beobachten (siehe âAuf die zweite Halbzeit kommt es anâ, Seite 21 und 22).
Durch einen Zoll-Deal wie den zwischen den USA und Europa im Sommer könne zwar ein Handelskrieg abgewendet werden. âDoch die Vereinbarungen beinhalten signifikante Zollanhebungen und Sonderregelungenâ, betont Christian MĂŒller, Head of Strategy & Research bei Savills Investment Management. âDas belastet sowohl Konjunktur als auch KapitalmĂ€rkte â und die VerlĂ€sslichkeit des Deals muss sich erst noch beweisen.â Auch Tobias Kassner, Head of Research & ESG bei Garbe Industrial Real Estate, verweist auf Aspekte zur Nachhaltigkeit des Abkommens: âOb die Zölle dauerhaft bei 15% bleiben, ist offen. Die geopolitische Unsicherheit wird zur neuen NormalitĂ€t. Unternehmen werden gezwungen, ihre Lieferbeziehungen neu zu justieren.â In der Folge setzen Produzenten und HĂ€ndler zunehmend auf regionale Netzwerke mit reduzierter AbhĂ€ngigkeit von einzelnen MĂ€rkten. Das fĂŒhre zu steigender FlĂ€chennachfrage an Knotenpunkten.
âDer jĂŒngste Zolldeal mit den USA ist wahrscheinlich nur eine Interimslösung. Wir mĂŒssen uns auf eine neue HandelsrealitĂ€t einstellenâ, sagt auch Christian Goebel, Co-CEO von Manova Partners. âEs ist bemerkenswert, wie rasch sich einzelne MĂ€rkte, etwa GroĂbritannien, strategisch neu positionieren, um von der neuen Situation zu profitieren.â Das Vereinigte Königreich entwickle sich zunehmend zum Bindeglied zwischen Europa und Amerika, was Standortentscheidungen beeinflussen könne. âWas wir erleben, ist eine geopolitisch getriebene Reorganisation globaler Handelsströmeâ, ergĂ€nzt Marten Helms, Senior Fund Manager Europe bei Catella Investment Management: âDas verĂ€ndert auch die Rolle Europas als logistische BrĂŒcke zu den MittelmeerhĂ€fen und den osteuropĂ€ischen MĂ€rkten.â
Handelskonflikte zwingen Unternehmen zum Umdenken. âWarenströme werden umgelenkt, AbhĂ€ngigkeiten reduziert, Lieferzeiten verkĂŒrzt â Europa rĂŒckt dabei stĂ€rker in den Fokusâ, sagt Fred-Markus Bohne, Managing Partner bei Panattoni Deutschland und Ăsterreich. âWir beobachten, dass sich produzierende Gewerbe durch Unsicherheiten wieder nĂ€her an ihren AbsatzmĂ€rkten ansiedelnâ, fĂ€hrt Bohne fort und schlussfolgert: âDamit steigt auch die Nachfrage nach modernen Logistik- und ProduktionsflĂ€chen in Europa.â Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen gewönnen an Bedeutung. âDiskussionen um Zölle und Handelsabkommen beeinflussen Investitionen, wĂ€hrend etwa die expansive Fiskalpolitik in Deutschland konjunkturelle Impulse setzt. Unternehmen suchen verstĂ€rkt nach StabilitĂ€t und regionaler Resilienzâ, erklĂ€rt Bohne.
Bei den Standortentscheidungen seien nicht nur GröĂe und Lage entscheidend, sondern auch der strategische Kontext im europĂ€ischen Versorgungsnetz. âWir sehen ein wachsendes Interesse an Regionen mit stabilen politischen Rahmenbedingungen, multimodaler Infrastruktur sowie ausreichender FlĂ€chen- und ArbeitskrĂ€fteverfĂŒgbarkeitâ, erklĂ€rt Fabio KirchgeĂner, Managing Director bei Panattoni. âDass es in klassischen Logistikzentren eng wird, schafft RĂ€ume fĂŒr neue Wirtschaftskorridore, in denen Projektentwickler Potenziale identifizieren â etwa entlang des Hansebelt oder in Mitteldeutschland.â GroĂprojekte wie die Fehmarnbeltverbindung zwischen Deutschland und DĂ€nemark wĂŒrden diese Entwicklung vorantreiben. âSie stĂ€rkt die Anbindung Skandinaviens an den zentraleuropĂ€ischen Binnenmarkt und die AttraktivitĂ€t Norddeutschlands fĂŒr logistikintensive Unternehmenâ, betont KirchgeĂner.
Angesichts volatiler MĂ€rkte sei Resilienz ein zentrales Kriterium bei Standortentscheidungen. Produktions- und LagerkapazitĂ€ten wĂŒrden in Teilen nach Europa zurĂŒckverlagert, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. âKlassische A-Standorte mit guter Autobahnanbindung bleiben gefragt, doch auch gut angebundene periphere Regionen gewinnen an Bedeutungâ, erlĂ€utert Bohne und fĂŒgt an: âDie NutzerbedĂŒrfnisse haben sich verĂ€ndert. Neben der Lage zĂ€hlen Drittverwendbarkeit, Energieeffizienz und schnelle Umsetzbarkeit.â Bohne geht davon aus, dass sich die Logistikachsen in Europa diversifizieren werden: âKurze Wege, nachhaltige Lösungen und stabile Rahmenbedingungen werden die entscheidenden Standortvorteile sein.â FĂŒr Entwickler, Investoren und Kommunen heiĂe das: heute handeln, statt morgen reagieren. Es gelte, die Weichen fĂŒr resiliente, starke und zukunftsfĂ€hige Logistikstrukturen in Europa zu stellen.
Peter Dietz



