TextilWirtschaft
China ist angezählt
Quelle: TextilWirtschaft 2025 Heft 38 vom 18.09.2025, Seite 29


TextilWirtschaft 38 vom 18.09.2025 Seite 29

China ist angezählt

Die US-Zollpolitik stellt die Supply Chain auf den Kopf. Die Rede ist von Revolution

Die EU und die USA haben sich zwar auf ein Zollabkommen geeinigt, Entspannung macht sich in den europäischen Textil- und Modeunternehmen trotzdem nicht breit. Der Grund: Das größte Modeproduktionsland der Welt, China, steht bei der US-Zollpoltik besonders im Fokus, und das könnte die weltweiten Supply Chains ordentlich durcheinander wirbeln. Dieses Fazit zieht Allianz Trade.

Der Kreditversicherer für die Textil- und Bekleidungsbranche spricht gar von einer bevorstehenden Revolution, die sich in „einem komplexeren Handelsumfeld, auf etablierte Lieferketten“ auswirke. „Unternehmen suchen aktiv nach alternativen Lösungen. Dadurch verschieben sich Handelsströme und Lieferketten“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland. Das neue US-Zollsystem mit nahezu täglich wechselnden Ankündigungen über Zollsätze versetzt Unternehmen weltweit in Alarmstimmung. Vor allem das noch immer bestehende Monopol Chinas als Produktionszentrum für internationale Textil- und Modemarken wird laut Allianz Trade durch das neue US- Zollsystem infrage gestellt.

Verlagerung der Produktion

Aktuell werden auf Importe chinesischer Textil- und Bekleidungsartikel in die Vereinigten Staaten Zölle in Höhe von 50% erhoben. Hinzu kommt, dass seit Ende August auch auf Pakete in die Staaten mit einem Wert unter 150 US-Dollar Steuern erhoben werden. Zuvor waren sie davon ausgenommen. Die Steuern und der Zollsatz für Waren aus China führen zu einen immensen Kostenanstieg für die internationalen Unternehmen, den diese – zumindest teilweise – an ihre Kunden weitergeben.

Um die Auswirkungen der Zölle zu dämpfen, gehen die Analysten von Allianz Trade davon aus, dass Bekleidungsunternehmen ihre Produktion von China weg verlagern und auf zollgünstigere Fertigungsländer wie Vietnam-Indien und Kambodscha ausweichen. In der Studie heißt es: „Während Asien aufgrund seines starken Kosten-Effizienz-Profils nach wie vor die beliebteste Region für internationale Textilunternehmen ist, sehen wir durchaus Spielraum für eine gewisse Rückverlagerung in osteuropäische Länder (plus 3%) und/oder Lateinamerika (plus 4%), um die Anfälligkeit der Lieferketten gegenüber globalen Handels- und geopolitischen Konflikten zu verringern“.

Unabhängig von der Zollpolitik der USA sieht Allianz Trade auf die europäische Textil- und Modebranche düstere Zeiten zukommen – insbesondere für die Luxushäuser. Sie hätten wegen der nachlassenden Nachfrage aus China kaum noch Wachstumshebel. Auch die Verschlechterung der Qualität in den vergangenen Jahren würde die seit der Corona-Pandemie zu beobachtende Preisinflation infrage stellen. Unter Druck komme die Luxusgüterindustrie zusätzlich durch eine wachsende Beliebtheit von Secondhand-Mode. Möglichkeiten, den Kreis zu durchbrechen, sehen die Analysten in der verstärkten Konzentration auf ältere Zielgruppen und einer „Diversifizierung der Einnahmequellen“, u.a. durch stärkere Investitionen in den Nahen Osten.

Ulrike Wollenschläger