TextilWirtschaft 49 vom 04.12.2025 Seite 32
Like Ice in the Sunshine
Der Abschmelzungsprozess im deutschen Schuhhandel schreitet voran. Interdisziplinäre Strategien eröffnen neue Perspektiven
Warnzeichen vom Ende der Welt“ titelte jüngst ein Beitrag auf Deutschlandfunk.de zur Entwicklung in der Antarktis. In der größten Eiskammer der Erde kippe das Gleichgewicht, ist zu lesen. Mit Folgen, die Klimamodelle bislang kaum abbilden könnten.
Die dramatischen Begebenheiten in der Antarktis – zugegeben von unvergleichlicher Dimension – könnten dennoch kein passenderes Bild abgeben für den Wandel, der sich im deutschen Schuhhandel seit Jahren vollzieht. Auch hier gab und gibt es eine signifikante Abschmelzung. Der BTE, Handelsverband Textil Schuhe Lederwaren, gießt die Entwicklung in Zahlen: Demnach hat sich die Menge deutscher Schuhhändler seit dem Jahr 2000 auf nahezu ein Drittel reduziert. Gab es vor 25 Jahren noch 7247 Unternehmen, sind es nach 2024 lediglich noch 2625 gewesen – mit rund 8700 Geschäften.
Mehr Schuh-Touchpoints
Die Abschmelzung markiert zugleich eine Umsortierung des Schuhmarktes. Natürlich werden weiter Schuhe gekauft. Nur haben sich die Touchpoints – vor allem zum Leidwesen des Fachhandels – vermehrt, diversifiziert. Zahlreiche Player haben sich, wie schon oft beschrieben, früh auf den Weg gemacht, um vom Geschäft mit Schuhen mitzuprofitieren. Neben Bekleidungshäusern, Sportfachhändlern und Discountern sind es insbesondere vertikal aufgestellte Filialisten, die zur ernstzunehmenden Konkurrenz des einst dominanten Schuheinzelhandels geworden sind.
Allen voran Zara. Wohl wissend um die smarte Idee, den Outfit-Gedanken sowohl auf den Flächen als auch im Webshop abzubilden, brachte sich der Inditex-Konzern mit seinem 1989 installierten Footwear-Unternehmen Tempe zeitig in Position, um die Business Unit Footwear auf ein für sich neues Level zu heben. 2022 – jüngere Geschäftsberichte sind nicht veröffentlicht – machte Tempe bereits einen Umsatz von rund 1,41 Mrd. Euro. Dahinter standen rund 100 Millionen verkaufte Paar Schuhe.
Zum Vergleich: Bei Deichmann, nach wie vor Europas größter Schuhhändler, gingen im vergangenen Jahr weltweit 180 Millionen Paar Schuhe über die physischen und digitalen Ladentheken. Das bescherte dem Konzern aus Essen im 111. Unternehmensjahr einen Umsatz von 8,7 Mrd. Euro – und entgegen dem allgemeinen Branchentrend abermals ein Umsatzplus von 2,3%, in Europa sogar von über 5%. Um die Pole Position zu halten, standen in diesem Jahr Investitionen in Rekordhöhe an, die in Firmencampus, Filialen, Logistik und IT flossen, außerdem in Omnichannel-Aktivitäten inklusive weiterem Roll-out der Kunden-App. Noch ist der Schuhriese stationär deutlich stärker, nur 10% seiner Umsätze erwirtschaftet Deichmann online.
E-Commerce wieder steigend
Insgesamt ist das Online-Geschäft mit Schuhen nach einer kurzen Verschnaufpause, die sich mit dem Nachholeffekt stationären Shoppings nach der Pandemie erklären lässt, dabei, seine Marktanteile seit 2024 wieder zu erhöhen, und wird laut IFH Köln 2025 „voraussichtlich 36,8% am Gesamtmarkt einnehmen“. Damit bleiben digitale Pure Player für viele Schuhhändler die am meisten gefürchteten Mitbewerber.
Besondere Brisanz ins Business brachten zuletzt Billig- Online-Formate aus China. „Ein Drittel der Umsätze der aus Deutschland direkt im Ausland bestellten Ware entfällt bereits jetzt auf Temu und Shein“, sagt Hansjürgen Heinick, Senior Consultant Market Insights beim IFH Köln. In einer Analyse zu diesem Thema, für die das IFH 783 Online-Shopper ab 16 Jahren befragt hat, die in den zurückliegenden zwölf Monaten im Ausland bestellt haben, haben 44% bei Temu geshoppt (24% in 2023), 26% bei Shein, 20% bei Aliexpress. Vor allem Temu kann also offenbar mit Preisen jenseits von Gut und Böse zumindest bei einer bestimmten Klientel punkten. Ein Beispiel: „Tazz“, populäre Plateau-Pantolette von Ugg, im Original bei 150 Euro VK, ist als Non-Leather- Dupe bei Temu für unter zehn Euro zu haben.
Aggressiver, von starkem Preisdruck geprägter Wettbewerb, zurückgehende Frequenz in zunehmend unattraktiven Innenstädten, schwache Gesamtkonjunktur, Nachfolgeprobleme im mittelständischen Handel – der Schuhmarkt bleibt konditioniert von brisanten Rahmenbedingungen. Kein Wunder also, dass die Umsatzzahlen noch immer nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht haben. Hatte der Schuhmarkt im Jahr 2019 laut IFH noch ein Volumen von 9,9 Mrd. Euro, soll es sich 2025 in etwa auf dem Niveau von 2024 einpendeln – also rund 9,5 Mrd. Euro.
Auch der BTE rechnet mit kaum nennenswerten Veränderungen. Das hier für 2024 errechnete Marktvolumen von 11,6 Mrd. Euro (minus 0,8% zum Vorjahr) wird in etwa auch für 2025 erwartet. „Die Schuhbranche muss sich jetzt neu erfinden“, mahnt Sönke Padberg, beim BTE spezialisiert auf das Schuhsegment. „Lieferanten und Händler sind gefordert, tradierte Ordergewohnheiten kritisch zu hinterfragen und deutlich flexiblere Prozesse zu etablieren. Ein seit Jahren zu niedriger Lagerumschlag beeinträchtigt die Wirtschaftlichkeit und schwächt Kaufanreize nachhaltig.“
Veränderte Konsum-Habits
Hinzu kommt: Mode – ob Bekleidung oder Schuhe – ist längst kein Selbstläufer mehr, die Konsumprioritäten verschieben sich. Also lieber ein neues Apple-Produkt, der Restaurant-Besuch, Wellness-Trip und Beauty-Doc, als Fashion zu shoppen? Offenbar. Neben neuen Präferenzen und einer immer wieder spürbaren Verunsicherung durch tagesaktuelle Nachrichten hat die allgemeine Kaufzurückhaltung womöglich tiefere Ursachen. Die Deutschen scheinen nach Jahren des Konsums ein Stück weit gesättigt.
Highsnobiety-Gründer und CEO David Fischer beschreibt es kürzlich in einem TW-Interview so: „Es ist so schwierig, den einen Grund zu finden, weil so viele Sachen aufeinandertreffen. Der Konsum an sich ist stark zurückgegangen. Die Menschen haben zum Teil andere Sachen im Kopf, als zu shoppen. Und sie haben es auch ein bisschen satt. […] Ich glaube auch, dass Einkaufen zu einem gewissen Grad uncool geworden ist.“
Diese Tendenz beobachtet auch das IFH – und untermauert sie im „Branchenbericht Schuhe 2025“ mit Zahlen. Demnach nehmen die privaten Konsumausgabenanteile in Segmenten wie Lebensmittel und Gesundheit zu. In der Sparte Alltagsgebrauchsgüter hingegen, in die auch Bekleidung und Schuhe fallen, nehmen sie ab: Nach einem Ausgabenanteil von 5,5% im Jahr 2000 liegt dieser 2024 noch bei 3,6%, 2029 prognostiziert bei 3,2%.
Wo aber kaufen Konsumentinnen und Konsumenten denn nun ihre Schuhe, wenn sie kaufen? Laut IFH-Studie konnten Internet-Pure-Player und Versender ihren Anteil, wie beschrieben, wieder leicht steigern – auf in Summe 24%. Auf Sport- und Bekleidungshändler entfallen 13%. Rund 6% verteilen sich auf Kauf- und Warenhäuser, SB- Märkte, Discounter und sonstige Anbieter. Noch also – und trotz des Abschmelzungsprozesses – nehmen Schuhfachhandel und -filialisten mit zusammen 57% den größten Anteil der Vertriebswege im Schuhmarkt ein.
Innovative Koalitionen
„Neue Perspektiven eröffnen sich durch Kooperationen und eine EDI-Kommunikation nach dem Vorbild der Textilbranche“, ist Padberg überzeugt. „Standardisierte Abläufe, effiziente EDI-Prozesse sowie eine gezielte, datenbasierte Ansprache der Zielgruppen durch CRM bieten der Branche zusätzliche, bislang vielfach ungenutzte Chancen.“
Dessen ist man sich, zumindest in Teilen, bewusst. Die, die noch am Markt sind, setzen vieles daran, um in der Customer Journey der Kunden relevant zu bleiben. Immer relevanter werden sie zudem für ihre Kollegen aus dem Modehandel, von dem sich in jüngster Zeit Anfragen häufen, Schuhflächen durch Partner zu managen – mit Expertise und Know-how. Das Geschäftsmodell ist kein neues. Aber auch das könnte zukunftsfähig sein.
Simone Reiner



