TextilWirtschaft 49
Luxus im Schleudergang
Quelle: TextilWirtschaft 49 2025 Heft vom 04.12.2025, Seite 36


TextilWirtschaft 49 vom 04.12.2025 Seite 36

Luxus im Schleudergang

Emotion, Erlebnis, Echtheit sind die VerfĂĽhrer im Highend-Business. Der Luxusmarkt am Wendepunkt

Ein Jahr wie im Schleudergang für die Luxusbranche. Kreativchef- und CEO-Posten, die fast im Wochentakt neu vergeben und besetzt werden. Allein knapp 20 Designerwechsel bei großen Häusern von Fendi bis Versace, von Chanel bis Celine, von Balenciaga bis Bottega Veneta. Ein halbes Dutzend neuer Manager bei Valentino, Loro Piana, Louis Vuitton und jüngst Zegna. Und natürlich ein neuer Macher an der Spitze des Kering- Konzerns – Automobil-Sanierer Luca de Meo – der die Gruppe massiv umbaut. Er setzt auf Rationalisierung und Kundenzentrierung sowie auf die effiziente Reaktion auf reale Marktnachfrage. Er orientiert sich eher am System Inditex als an Mitbewerbern. Vor drastischen Maßnahmen wie dem Verkauf der Kosmetiksparte schreckt er dabei nur wenige Wochen nach seinem Antritt nicht zurück.

Unter Druck

All diese Entwicklungen sind Manifestationen der Unruhe und des Drucks, unter dem sich das Highend-Genre aktuell befindet. Der Markt für persönliche Luxusgüter ist 2025 laut Zahlen, die die Unternehmensberatung Bain&Company gemeinsam mit Fondazione Altagamma Ende November veröffentlicht hat, mit einem Volumen von 358 Mrd. Euro das zweite Jahr in Folge leicht rückläufig. 2024 lag der Wert noch bei 364 Mrd. Euro, 2023 bei 368 Mrd.

Es ist nicht ganz so dramatisch gekommen, wie die Experten noch Mitte 2025 erwartet hatten. Nach zwei harten Jahren und einem schwierigen ersten Halbjahr scheint der Luxusmarkt die Talsohle durchschritten zu haben. Immerhin haben sich die Ergebnisse der großen Konzerne im dritten Quartal en gros stabilisiert. Selbst der dramatische Absturz bei Kering hat sich mit einem Minus von 5% auf vergleichbarer Basis deutlich verlangsamt. Die Prognosen für 2026 sind verhalten positiv. So sagt nicht nur Luca Solca, Managing Director Luxury Goods beim Beratungsunternehmen Bernstein, kürzlich auf dem Venice Sustainable Fashion Forum: „Die Zahlen sagen, dass das Schlimmste wohl hinter uns liegt.“

Nach Jahren des Höhenflugs befindet sich der Luxusmarkt in einem tiefgreifenden Wandel. Nach einer Hype-Ära im Nachgang der Pandemie geht es jetzt um bewussteren Konsum. Anhaltend angespannte geopolitische Rahmenbedingungen, überzogene Preiserhöhungen sowie Enthüllungen über ausbeuterische Produktions- und Arbeitsbedingungen haben das Vertrauen der Kundinnen und Kunden in das Versprechen vieler Luxusbrands erschüttert. Die ohnehin gebremste Shopping-Lust und Ausgabefreude erhält so auch bei der Highend-Klientel einen empfindlichen Dämpfer. Hinzu kommt, dass die Zeit der lauten Logos und expressiven Statussymbole absolut passé ist. Luxus-Streetwear, ehemaliger Treiber des Business, hat an Momentum verloren. In Verbindung mit einer ausufernden Preispolitik hat sich die GenZ zunehmend von den Designermarken abgewandt. Getrieben werden die Umsätze so vor allem von den Superreichen, während der aspirational Customer in seinem Ausgabeverhalten deutlich zurückhaltender ist – wenn überhaupt, gezielter, wertebeständiger investiert. Nicht zuletzt die Insolvenzen von Luxus-Onlinern wie Luisa Via Roma, Ssense oder das Aus des Highsnobiety E- Com sind Ausdruck dieser Entwicklung.

Dazu addiert sich, dass Mode in der Prioritätenliste der Konsumentinnen und Konsumenten deutlich nach hinten rutscht. Es geht um Erleben statt Einkaufen. Exklusive Reisen, Gourmet-Gastronomie, Events, Wellbeing und Longevity erleben einen echten Aufschwung. Sie sind die Zauberformeln, in die vermehrt Ausgaben fließen. „Wir erleben einen Wandel hin zu einem bewussteren, erlebnisgetriebenen Modell. Nach einer Ära des Kaufrauschs haben sich Erlebnisse und Emotionen zum zentralen Wachstumsmotor der Luxusindustrie entwickelt“, sagt Bain-Partnerin Marie-Therese Marek. „Die Zukunft des Luxus liegt in einem klaren Werteverständnis – Ethik, Emotion und Erlebnis werden zu den entscheidenden Treibern nachhaltigen Erfolgs.“ Luxus am Turning Point zu mehr Echtheit, wahrem Wert, greifbarer Credibility.

Silke Emig