agrarzeitung 51-52
Der Blick nach vorn
Quelle: agrarzeitung 51-52 2025 Heft vom 19.12.2025, Seite 10


agrarzeitung 51-52 vom 19.12.2025 Seite 10

Der Blick nach vorn

Mit fünf Landtagswahlen im März (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz) und September (Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) bieten sich viele Gelegenheiten für politischen Streit. In der Agrarbranche bleiben die GAP nach 2027 und der Pflanzenschutz vorne auf der Themenliste. Während die Konjunktur weiter schwächeln dürfte, spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle – in technischer und beruflicher Hinsicht. Die Ernten bleiben hoch.

Berlin

Nationale Bestrebungen

Gemeinsame Agrarpolitik rückt auch hierzulande in den Fokus

Im kommenden Jahr richtet sich auch der nationale Blick stark auf die konkrete Ausarbeitung des Vorschlags der EU-Kommission zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die ab 2028 gelten wird. Es gibt unter anderem Pläne, Direktzahlungen zu kürzen, was insbesondere für größere Betriebe von finanziellem Nachteil wäre. Mit dem Vorsitz der Agrarministerkonferenz (AMK) durch Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) erhält die Koordinierung zwischen den Ländern ein starkes Gewicht. Die Ausgestaltung der GAP wird im Sinne unser aller Ernährungssicherheit sowie des Lebens unserer Landwirte viel Raum einnehmen. Die von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer von der Branche lange erwartete und neu vorgestellte Agrarexportstrategie soll ab 2026 als fortlaufendes, weiterentwickelbares Instrument neue Absatzmärkte wie China oder die USA erschließen und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Agrarprodukte sichern.

Auf der Agenda der deutschen Agrarpolitik steht auch die Überarbeitung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes (THKG). Darauf haben sich die Regierungsfraktionen im Deutschen Bundestag Ende dieses Jahres geeinigt. Neu in das THKG sollen auch die Kennzeichnung in der Außer- Haus-Verpflegung und das sogenannte Downgrading aufgenommen werden.

Mia

EU

EU-Agrarpolitik unter Druck

GAP-Reform bleibt der kleinste gemeinsame Nenner

Auch in Brüssel werden die Polithäupter im kommenden Jahr rauchen. Schließlich geht es in Europa darum, die Herausforderungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), Umweltziele und die wirtschaftlichen und beruflichen Interessen und Bedürfnisse der Landwirte in Einklang zu bringen. Auf EU-Terrain sind alle Blicke auf die Ausgestaltung der GAP nach 2027 gerichtet. Die Vorbereitungen für die GAP und des Mehrjährigen Finanzrahmens (MFR) laufen. Der derzeitige Vorschlag der EU-Kommission, der eine Kürzung des Agrarbudgets um 20 Prozent vorsieht, stößt in Deutschland auf massive Kritik und vor allem auf große Sorge in der Landwirtschaft. Die Rolle der Landwirte für unser aller Ernährungssicherheit und auch ihre wirtschaftliche Stabilität prägen die Debatte. Bei den jüngsten Bauernprotesten zu Jahresende haben Landwirte aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten stark über die Pläne der EU- Kommission für einen Einheitsfonds und einen Fonds für nationale und regionale Partnerschaften protestiert. Hauptanstoß sind die drohenden Kürzungen des GAP- Budgets. Die Bauernproteste machen den Handlungsdruck der europäischen Politik wie auch der einzelnen EU- Länder sichtbar und lassen diesen auch im kommenden Jahr spürbar bleiben.

Mia

Pflanze

Weniger Chemie, mehr Bio(tech)

Die Herausforderungen und Chancen im Ackerbau

Beim chemisch-synthetischen Pflanzenschutz wird es für die Landwirte im nächsten Jahr wiederum enger: So müssen sie auf den Herbizidwirkstoff Metribuzin und das Fungizid Dimethomorph verzichten, und für Herbizidprodukte mit Flufenacet gelten im besten Fall bis Jahresmitte respektive Jahresende 2026 Abverkaufs- und Aufbrauchsfristen. Neuerungen sind nur bei Wirkstoffformulierungen oder -kombinationen zu erwarten. Neue chemische Wirkstoffe werden trotz Ankündigungen der Agrochemiebranche noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Dagegen ist zu erwarten, dass das Produktportfolio bei biologischen Pflanzenschutzmitteln und Biostimulanzien im nächsten Jahr zunehmen wird. Dies könnte durch die Ankündigung der EU-Kommission, entsprechende Zulassungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen, weiter verstärkt werden.

Apropos EU-Kommission: Wenn die Regeln zu den Neuen Genomischen Techniken (NGT) wie geplant gelockert werden, dürfte das dem Züchtungsfortschritt einen enormen Aufschwung geben. Schon jetzt ist klar, dass den deutschen Landwirten 2026 neue, noch konventionell gezüchtete Sorten in den wichtigsten Kulturarten zur Verfügung stehen werden – mit höheren Krankheitsresistenzen, verbesserter Nährstoffeffizienz und Klimaresilienz sowie stabileren Erträgen.

res

Wirtschaft

Es wird nicht besser

Die Konjunktur lässt sich weiter bitten

Ein richtiger Wirtschaftsaufschwung ist auch für 2026 nicht zu erwarten. Zu schlecht ist die Stimmung in zu vielen Branchen – zu viele Konflikte gibt es auf der Welt und zu viel Unsicherheit auch wegen höherer Zölle. Das Münchner Ifo-Institut hat seine Prognose für das kommende Jahr gerade erst um einen halben Prozentpunkt zurückgenommen und rechnet jetzt noch mit 0,8 Prozent Wachstum in Deutschland. Ohne den Dämpfer durch Zölle könnten es 0,6 Prozentpunkte mehr sein. Immerhin: Die Arbeitslosigkeit soll laut Ifo nur leicht zunehmen und die Inflation im bekannten Rahmen bei knapp über 2 Prozent bleiben.

Auch das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat seine Prognose von 1,3 auf 1,0 Prozent Wachstum zurückgenommen. Präsident Moritz Schularick sagt dazu: „Es ist insgesamt enttäuschend, dass wir für das kommende Jahr nicht mehr als ein Prozent Zuwachs erwarten können, obwohl die Bundesregierung hohe Schulden aufnimmt und die staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung erhöhen will.“ Einer Umfrage der DZ Bank zufolge haben vor allem kleinere Mittelständler das Vertrauen in die Bundesregierung verloren. Statt 62 Prozent wie im Frühjahr glaubten im Herbst nur noch 39 Prozent, dass die Regierung einen Wachstumskurs erzeugen kann.

bv

Technik

Digitaler Wandel nimmt Fahrt auf

Innovationskraft aus Deutschland – Messen des Jahres

Die Digitalisierung durchdringt die Landwirtschaft immer mehr, auch wenn es aufgrund der langen Nutzungsdauer der technischen Geräte länger dauert als in manch anderen Bereichen. Im Folgejahr einer Agritechnica kommt Schub zum Beispiel daher, dass auf der Messe gekaufte Maschinen nach und nach ausgeliefert werden und in den Praxiseinsatz gehen. Deutschland ist nach den USA das Land mit den zweitmeisten Patentanmeldungen für Smart- Farming-Technologien, hat das Europäische Patentamt festgestellt.

Nicht zuletzt müssen ja auch im kommenden Jahr wieder zahlreiche Landtechnik-Messen mit Neuheiten bespielt werden. Eine der frühesten Messen 2026 ist Anfang Februar die Fieragricola in Verona, die sich dieses Mal das Motto „Full Innovation“ gegeben hat. Ende Februar ruft dann schon der Salon Agriculture nach Paris, wo es mit „Generations Solutions“ um nichts weniger als die Zukunft der Agrarwelt gehen soll. Über den Sommer passiert mit Ausnahme der DLG-Feldtage im Juni nicht allzu viel – Motto hier in Bernburg (Sachsen-Anhalt): „Pflanzenbau out of the box“. Und im November gibt es wieder eine Eima in Bologna, die wie die Agritechnica alle zwei Jahre stattfindet und mit der Eima digital einen Ableger für fortschrittliche Agrartechnologien hat.

bv

Karriere

Aufbruchsstimmung

Die Digitalisierung wird zum Berufsalltag

Das kommende Jahr bietet vor allem eines: Aufbruch. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft steht vor großen Veränderungen. Und genau darin liegt ihre Chance. Der Berufsmarkt entwickelt sich weiter, weg von reiner Stellenbesetzung, hin zu echter Verbindung zwischen Menschen, Unternehmen und Aufgaben.

Viele aktuelle Studien zeigen, dass die Branche auch in Zukunft ein stabiler Arbeitgeber bleibt, besonders im ländlichen Raum. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen: Digitale Kompetenzen, Lernbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein gewinnen an Bedeutung – nicht, weil Technik alles ersetzt, sondern weil sie Menschen unterstützt, besser zu arbeiten und klügere Entscheidungen zu treffen. Digitalisierung wird 2026 noch selbstverständlicher sein. KI, Automatisierung und datenbasierte Prozesse sind dann kein Zukunftsthema mehr, sondern Alltag. Damit entstehen neue Berufsbilder, neue Chancen und neue Wege, Talente zu finden und zu fördern. Das ist eine sehr positive Entwicklung: Arbeit wird transparenter, Prozesse fairer und Entscheidungen fundierter. Der Arbeitsmarkt 2026 bietet enorme Möglichkeiten für Unternehmen, die offen kommunizieren, Orientierung geben und moderne Wege im Recruiting gehen. Es geht weniger um Masse, sondern um Passung, Vertrauen und Perspektive.

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Rekorde auf fast allen Ebenen

Weizen und Mais steuern neuen Bestmarken entgegen – Soja verharrt auf hohem Niveau

Leipzig. Nachdem bereits die Saison 2024/25 mit verschiedenen Rekordernten aufwarten konnte, zeichnet sich für die Saison 2025/26 ein noch rosigeres Gesamtbild ab. Weder auf der Nord- noch auf der Südhalbkugel gibt es derzeit nennenswerte Störfaktoren, die der anhaltenden Rekordjagd einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Entsprechend zuversichtlich präsentieren sich die branchenweit anerkannten Institutionen. Ganz gleich, ob International Grains Council (IGC), das US- Agrarministerium (USDA) oder die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) – sie alle prognostizieren für die laufende Saison globale wie auch nationale Bestmarken für Weizen, Mais und Sojabohnen.

Australien in alter Stärke

Rang der Weizen aus globaler Sicht in den vergangenen Jahren stets um die Marke von 800 Mio. t, dürfte es diesmal alles andere als eine knappe Angelegenheit werden. So erwartet die FAO 827,4 Mio. t, das IGC 830,0 Mio. t und das USDA sogar 837,8 Mio. t. Für den starken Zuwachs zeichnen nahezu alle Großproduzenten gleichermaßen verantwortlich. Herauszuheben sind vor allem die Erzeuger auf der Südhalbkugel. Nach mehreren schweren Dürrejahren erwartet Argentinien die mit Abstand größte Weizenernte des Landes. Auch in Australien findet die Produktion nach zwei schwächeren Jahren zu alter Stärke zurück. Darüber hinaus dürfte Kanada ein neues Allzeithoch markieren. In der EU, Russland und den USA sollen zumindest die Werte der Vorsaison übertroffen werden.

Ähnlich vielversprechend ist die Situation beim Mais. Demnach taxierte das USDA die globale Ernte im Dezember auf den Rekordwert von 1283 Mio. t. Laut dem IGC soll die Produktion mit 1298 Mio. t sogar an der nächsthöheren Schwelle kratzen. Die treibende Kraft ist dabei die historisch starke US-Ernte von schätzungsweise 425,5 Mio. t. Damit übertrifft sie die bisherige Rekordmarke von 2023/24 um 35,5 Mio. t. Selbst wenn die – ebenfalls historisch hohen – Flächenerträge noch etwas nach unten korrigiert werden sollten, dürfte das Allzeithoch kaum in Gefahr geraten.

In Südamerika wiegen sich Licht und Schatten gegenseitig auf. So steuert Argentinien laut der Rosario Grains Exchange auf eine Rekordernte von 61 Mio. t zu. Andere Analysten sind deutlich zurückhaltender und warnen vor dürrebedingten Ertragseinbußen. In Brasilien dürfte die Bestmarke der Vorsaison (141,0 Mio. t) derweil verfehlt werden. Die staatliche Behörde Conab prognostizierte zuletzt 138,9 Mio. t, das USDA lediglich 131,0 Mio. t. Wie in Argentinien besteht die Sorge, dass sich das Wetterphänomen La Niña negativ auf die Ertragsentwicklung auswirken könnte. Bei den Sojabohnen ist es indes fraglich, ob die globale Bestmarke der Vorsaison erneut getoppt wird. Doch selbst wenn nicht, dürfte der Wert mehr als beachtlich sein. Während das USDA 422,5 Mio. t veranschlagt, erwartet das IGC 426,0 Mio. t. In beiden Fällen wird die erstmals im Vorjahr überschrittene Schwelle von 400 Mio. t deutlich übertroffen.

Nach aktuellem Stand baut Brasilien seine globale Vormachtstellung weiter aus. Laut dem USDA (175 Mio. t) weitet der Branchenprimus seinen Anteil an der weltweiten Produktion von 40,1 auf 41,4 Prozent aus. Conab taxiert die Ernte auf 177,1 Mio. t.

Menge übersteigt Nachfrage

Bei allen drei Agrargütern dürfte die Produktion die Nachfrage erstmals seit Längerem wieder übersteigen. Insbesondere die weltweiten Weizen- und Maisreserven, die in den Vorjahren zusammengeschrumpft waren, würden von einer Erholung profitieren.

FL

Bernhard Vetter, Filip Lachmann, Michaela Bavandi, René Schaal