Lebensmittel Zeitung 5 vom 30.01.2026 Seite 20
Konzepte fĂĽr den Krisenfall sind dringend gefragt
Stellenwert des Business-Continuity-Managements wächst – Kriegsbedingte Auswirkungen als eigenständige Risikokategorie / Von Anselm Elles
Die unsichere weltpolitische Lage erfordert von Unternehmen, sich ernsthaft auf Krisenszenarien aller Art vorzubereiten – bis hin zum Eintritt des Verteidigungsfalls.
Der jüngste Stromausfall in Berlin zeigt wieder einmal: Egal, ob terroristischer Hintergrund oder hybride Kriegsführung, die Vulnerabilität der privaten und öffentlichen Infrastruktur ist offenkundig und die Angriffsrichtungen können unterschiedlicher nicht sein. Für die Lebensmittelbranche, als systemrelevanter Sektor, bedeutet dies präventiv vorbereitet sein zu müssen – auch für militärische Konflikte. Business-Continuity- Management ist bereits ein etabliertes Thema, dem man sich mit Versicherungsschutz sowie etablierten Risiko-, Krisen- und Resilienzmanagementsystemen aktiv annehmen kann. Dies sollte nicht nur vonseiten der Unternehmensleitung, sondern insbesondere auch unter Einbeziehung der Mitarbeiter sowie der externen Partner entlang der Supply Chain und auf Kundenseite geschehen. Im Kontext kriegerischer Auseinandersetzungen kommen allerdings, neben den normalen gesetzlichen und standardgesetzten Anforderungen, zusätzliche Compliance- Anforderungen auf die Unternehmensführung zu. Dazu zählen unter anderem die Anwendung von Artikel 12a des Grundgesetzes (Wehrpflicht), Bestimmungen des Notstandsrechts, das Arbeitssicherstellungsgesetz (ASG) in Verbindung mit der Arbeitssicherstellungsverordnung oder das Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz.
Diese Anforderungen haben im „Normalbetrieb“ wenig Relevanz, können aber im Ernstfall konkret Einfluss auf die nachhaltige Unternehmensführung erlangen, etwa schon durch Einschränkungen bei der Nutzung von bestimmten baulichen und infrastrukturellen Anlagen oder bei der Verfügbarkeit von Mitarbeitern. Deshalb ist im Sinne der Prävention die Betrachtung spezifischer kriegsbedingter Auswirkungen im Business Continuity Management essenziell.
 Unternehmerisch bieten sich in derartigen Konstellationen entsprechend Chancen und Risiken.  Die Risiken lauern verständlicherweise jeweils in den Bereichen, in denen gute Unternehmensführung unterentwickelt ist, wo externe Partner vulnerabel sind und vor allem dort, wo die Mitarbeitenden nicht ausreichend geschützt und integriert werden.
Das oberste Gebot für die Gewährleistung der uneingeschränkten Unternehmensführung ist die eindeutige Delegation von Verantwortlichkeiten  sowie die Definition eines handlungsfähigen Krisenteams. Um jederzeit die persönliche und unternehmerische Compliance zu gewährleisten, bedarf es der umfänglichen Information der Geschäftsführung hinsichtlich der Gesetzeslage und möglicher Anpassungen bei Branchenstandards.
Zur Sicherung der betrieblichen Abläufe und Liegenschaften müssen bauliche und infrastrukturelle Restriktionen berücksichtigt werden, Food Defense-Pläne neuen Szenarien begegnen und insbesondere die Verfügbarkeit von (Schlüssel-)Mitarbeitenden erfasst, geplant und Ergänzungsbedarf aktualisiert und angepasst werden. Wichtig dabei ist, die Verfügbarkeit der Mitarbeiter an betriebliche, familiäre und gesetzliche Anforderungen anzupassen.
Die Einbindung von Lieferanten und Dienstleistern muss ebenso berücksichtigt werden wie die Verfügbarkeit von Hilfs- und Katastrophenschutzorganisationen. Letztendlich bedarf es einer jeweils angepassten, auf eine „One-Voice“-Strategie ausgerichteten Kommunikation – nach Innen und Außen. All dies lässt sich in „Friedenszeiten“ im Rahmen einer umfassenden Risikobetrachtung inklusive der Festlegung präventiver und reaktiver Maßnahmen in das Business-Continuity- Management integrieren und anhand spezifischer Szenarien in Stresstests erproben.
 Fazit: Kriegsbedingte Auswirkungen gehören heute als eigenständige Risikokategorie in das Business-Continuity- Management. Wer sie vorausschauend bewertet und die eigenen Vorkehrungen  trainiert, stärkt die Resilienz  des Unternehmens, erfüllt Compliance-Anforderungen und bleibt handlungsfähig.
Anselm Elles
Unser Autor Anselm Elles ist Geschäftsführer der auf Risiko- und Krisenmanagement in der Lebensmittel- und FMCG-Industrie fokussierten AFC Risk & Crisis Consult GmbH, Bonn



