Horizont 7-8 vom 12.02.2026 Seite 17
Blick in die Zukunft
Vibe Coding: Websites, Apps und Tools lassen sich mit KI in Minuten erstellen. Das ändert Workflow und Wertschöpfung sowie die Rolle von Digitalagenturen. Von H. v. Rinsum
Am 3. Februar stellte OpenAI seine neue App „Codex“ vor, eine Art Kommandozentrale für KI-Codier-Agenten. User können damit gleichzeitig mehrere Agenten verwalten und ihnen komplexe Programmier-Aufgaben übertragen, die dann in hohem Tempo erledigt werden. Bereits nach zwei Tagen verzeichnete die App 500000 Downloads und der Kurznachrichtendienst „X“ wurde mit Erfolgsmeldungen überhäuft. User Sahil berichtete beispielsweise, dass er mit nur fünf Prompts in dreißig Minuten eine Website gebaut habe. Weitere fünf Minuten später war die Seite live und für die Öffentlichkeit zugänglich. Sahils Fazit: „Vibe Coding is the Future.“
Tatsächlich verändert Vibe Coding, das KI-gestützte Programmieren, die Softwareentwicklung fundamental. Vor Kurzem noch erhielten Entwickler detaillierte Anforderungen, mussten eine Systemarchitektur erstellen, Programmiersprachen festlegen und dann Zeile für Zeile den Code schreiben. Inzwischen können sie in natürlicher Sprache einem KI-Tool sagen, was die App oder Website tun soll. KI-Tools wie Codex übersetzen diese Beschreibung unmittelbar dann in Codes, Anpassungen erfolgen über weitere Prompts. Als Erfinder des Begriffs „Vibe Coding“ gilt Andrej Karpathy, ehemals Director AI bei Tesla. Anfang 2025 sprach er in mehreren Posts von einer neuen Art des Codens: Man lässt sich ganz auf die Vibes der KI ein und vergisst, dass der Code überhaupt existiert, weil im Hintergrund leistungsfähige LLMs den Job erledigen.
Diese Vibes haben inzwischen die Agenturlandschaft erreicht. Ähnlich wie generative KI sämtliche Stufen der Content-Produktion durcheinandergewirbelt hat, rütteln die KI-Tools nun an den Strukturen der Digitalabteilungen. Landing Pages, Microsites, mobile Apps, interne Tools, interaktive Banner, Gamification- Elemente oder Tracking-Tools: Alles kann in einem Bruchteil der bisherigen Zeit und auch von Mitarbeitenden ohne fundiertes IT-Know-how entwickelt werden. „Teammitglieder ohne klassischen Developer-Background können nun funktionierende Codes erstellen“ sagt Jens- Christian Jensen, Lableiter AI Value Chain der Working Group KI im Digitalverband BVDW und CSO bei der Plan.Net Group. „Das verändert nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch, wer an der Wertschöpfung teilnimmt.“ Vibe Coding habe dem Agentur-Alltag eine „unfassbare Geschwindigkeit“ beschert, bestätigt Daniel Palm, CMO der Digitalagentur Sunzinet. „Schnell etwas visualisieren, Anforderungen greifbar machen, ausprobieren, ob die AI ein Ziel so versteht, wie wir es meinen – das ist extrem hilfreich.“
Wie so etwas im Agenturalltag aussieht, wird bei einem Beispiel bei Plan.Net deutlich. Dort sind inzwischen rund zwanzig KI-Agenten im Einsatz, die beim Programmieren helfen. Alle haben spezielle Aufgaben. Einer schreibt die Spezifikation, skizziert also den Plan, was die App oder Website tun soll. Der Nächste beginnt, den Code zu schreiben. Ein weiterer Agent versucht, Fehler aufzudecken, wieder weitere sind für Spezialaufgaben zuständig. „Man hat also ganz viele Feedback-Systeme“, erklärt Sebastian Küpers, Managing Partner Plan.Net Studios. „Als Mensch kann man sich mittlerweile fast darauf verlassen, dass die Agenten in der Zusammenarbeit sehr schnell in der Lage sind, wirklich hochqualitative Codes zu schreiben.“
Das Tempo verändert die Arbeitsweise in den Agenturen. Konnte man vor wenigen Monaten zum Kundenbriefing noch mit der Idee zu einer App oder einer Website kommen, sollte diese nun gleich als Prototyp präsentiert werden. Denn natürlich hat sich auch bei den Unternehmen herumgesprochen, dass das Coding nicht mehr unbedingt Rocket Science ist. „Wir zeigen nach zwei Tagen einen Prototypen statt nach zwei Wochen ein Konzeptpapier“, sagt Jensen. „Kunden diskutieren nicht mehr abstrakte Ideen, sondern reale Erfahrungen. Und wir können früher ehrlich sagen, wenn etwas nicht funktioniert, bevor Budget verbrannt wird.“ Entscheidungen würden heute pragmatischer und schneller auf Basis konkret erlebbarer Artefakte getroffen, unterstreicht Matthias Schmidt-Pfitzner, Managing Director DACH beim Tech-Dienstleister Publicis Sapient. „Statt langer Dokumentationsphasen entstehen früh nutzbare Prototypen und kontinuierliche Reviews.“
Das Vibe Coding verändert auch die Abrechnung. Die Zusammenarbeit werde früher konkreter, sagt etwa Katrin Kolossa, Geschäftsführerin Sapera Studios. Entscheidend sei weniger die reine Produktion einzelner Assets, sondern die Bewertung der Ergebnisse, die Priorisierung und deren strategische Zusammenführung. Das schlägt sich auch in einer veränderten Kalkulation nieder. Kolossa: „Wir rechnen weniger klassische Produktionszeit ab, sondern Denk-, Konzeptions- und Kurationsleistung.“ Zahlreiche Stunden für das Programmieren in Rechnung zu stellen, wird also immer schwieriger. Dagegen rückt der Nutzen von agentenbasierten Projekten in den Vordergrund. Es gehe weg von der stundenbasierten Abrechnung, hin zu einem Plattform- und Ergebnismodell, so Schmidt- Pfitzner. „Parallel entstehen höhere Sätze für KI- Spezialisten.“
Diese Spezialisten werden nach wie vor benötigt, wenngleich längst nicht mehr in dem Umfang wie noch vor mehreren Monaten. Gefragt ist ein Supervisor, der die Arbeit der Agenten verfolgen und beurteilen kann. Der am Anfang dafür sorgt, dass die Anforderungen sauber formuliert sind und am Ende verantwortet, dass aus einem schnell entwickelten und implementierten Tool eine Anwendung wird, die auch über einen längeren Lebenszyklus hinweg stabil läuft. „Da wird es aktuell sehr schwierig“, erklärt Daniel Palm. „Du bekommst zwar schnell Code. Aber der Aufwand, ihn prüfbar, wartbar und sauber integrierbar zu machen, ist enorm.“ In der klassischen MarTech-Entwicklung werde Vibe Coding deshalb ganz bewusst nicht eingesetzt, betont Jens- Christian Jensen. Zwar werde dort KI-gestützt gearbeitet, aber jede Codezeile werde reviewt. Jensen: „Vibe Coding bei Systemen, die fünf Jahre stabil laufen müssen, wäre fahrlässig.“
Auch an anderer Stelle stößt das Vibe Coding an seine Grenzen: wenn es um Barrierefreiheit geht. Die meisten Entwickler würden in ihren Prompts nicht daran denken, mit anzugeben, dass das Ergebnis barrierefrei sein soll, sondern eher auf Schnelligkeit und visuelle Attraktivität optimieren, meint Jacopo Deyla, Chief Accessibility Expert bei AccessiWay. KI könne zwar die Entwicklung erheblich beschleunigen, aber sie könne nicht das Verständnis dafür ersetzen, wie verschiedene Menschen digitale Schnittstellen tatsächlich nutzen.
Vielleicht ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch KI- Agenten im Coding-Prozess die Barrierefreiheit im Auge behalten und entsprechende Iterationen anschieben. Das Beispiel unterstreicht allerdings, wie wichtig die menschliche Aufsicht und Abnahme des Prozesses ist. „Es ist nicht so, dass Du ein Buch lesen kannst, während die Maschine läuft“, sagt Küpers. „Man muss schon sehr stark mitdenken.“ Man brauche erfahrene Leute, die ein Gefühl dafür haben, wenn irgendwo was falsch läuft. Keinesfalls dürfe man die Aufgaben unerfahrenen Entwicklern überlassen. Küpers: „Die Augen schließen, sich einen Kaffee holen gehen und eine halbe Stunde später wiederkommen, führt fast immer zum Desaster.“
Trotzdem verschieben sich die Kräfteverhältnisse. In den einzelnen Abteilungen, weil künftig Developer mit der Fähigkeit zum großen Rundumblick gefragt sind und weniger spezifische Programmierer. Aber auch in der Agentur ganz generell. Denn in den letzten zwanzig Jahren haben viele Agenturen eine Menge Geld investiert, um sich mit digitaler Expertise auszustatten. In manchen Häusern sah es so aus, als wären die Digital-Sparten wichtiger und bedeutungsvoller als Beratung und Kreation. Ausgerechnet künstliche Intelligenz, und damit eigentlich Kernkompetenz der digitalen Experten, könnte nun dafür sorgen, dass sich diese Gewichtung wieder verschiebt. Für die digitalen Technologien sei durch Vibe Coding nicht mehr so viel Aufwand nötig, bestätigt Küpers. „Der Wert von kreativem Denken wird dagegen immer größer. Und auch der Wert von Beratung wird zunehmen.“
Helmut van Rinsum



