fvw | TravelTalk 5 vom 27.02.2026 Seite 50
Noch Luft nach oben
Workation ist weniger verbreitet als vermutet. Doch die Erfahrungen sind vor allem positiv, viele wĂĽnschen es sich.
Workation gilt als Symbol einer neuen Arbeitswelt, die während der Corona-Pandemie entstanden ist: Laptop im Gepäck, ein paar Tage am Meer oder in der Stadt, morgens Meetings, nachmittags Kultur oder Strand. Doch wie viele Geschäftsreisende nutzen dieses Modell tatsächlich?
Das in Kiel ansässige Tourismusforschungsinstitut NIT und die Fachhochschule Westküste in Heide liefern im Rahmen der Reiseanalyse (RA) Business Travel erstmals ein klares Bild. Seit 2022, im Testbetrieb seit 2019, wird die RA Business genau wie ihre größere Schwester von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) herausgegeben. Dabei entzaubert sie manche Annahme.
Das NIT und die FH Westküste haben etwa 2000 Übernachtungsgeschäftsreisende befragt. Das Ergebnis: 72 Prozent haben noch nie Workation gemacht. 16 Prozent haben bereits mehrfach Erfahrungen gesammelt, zwölf Prozent zumindest ein einziges Mal. „Das sind deutlich weniger, als es wohl viele vermuten würden“, sagt Professor Julian Reif, einer der Autoren der Studie.
In absoluten Zahlen sieht es jedoch etwas eindrucksvoller aus. Danach haben bereits 3,2 Mio. Menschen in Deutschland Erfahrungen mit Workation gemacht.
Und diese Erfahrungen fallen überwiegend positiv aus. 43 Prozent bewerten ihre Workation als gut, 31 Prozent sogar als sehr gut. Nur sechs Prozent äußern sich negativ. Die Kommentare, die Befragte gegenüber den Interviewern machten, zeigen, wie unterschiedlich Workation erlebt wird. Auf der positiven Seite stehen Aussagen wie „Höhere Effizienz durch bessere Work-Life-Balance“, „Es ist einfach toll, flexibel zu sein“, „Ermöglicht Erholung direkt nach der Arbeit“ oder auch „Andere Umgebung sorgt für Abwechslung und motiviert“.
ARBEIT UND FREIZEIT KAUM ABGEGRENZT
Doch es gibt auch kritische Stimmen: „Beides kommt zu kurz – Arbeit und Erholung.“ „Es war schön, aber anstrengend.“ „Stressig.“ Oder: „Finde es besser, wenn Arbeit und Freizeit klar abgegrenzt ist.“
Insgesamt zeigt die Studie aber: Workation funktioniert – aber eben nicht für alle und nicht unter allen Bedingungen. Besonders technische Voraussetzungen wie stabiles W-LAN entscheiden nach Angaben der Befragten über Erfolg oder Frust.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Frage, wer in der Theorie überhaupt Workation machen kann. Ergebnis: 39 Prozent der Geschäftsreisenden sind derzeit grundsätzlich nicht an einen festen Arbeitsort gebunden, könnten also flexibel arbeiten (sofern es der Arbeitgeber gestattet). Das sind 4,5 Mio. Menschen. 2023 waren es noch 5,2 Mio. Das „realisierbare Potenzial“ ist also gesunken. Innerhalb dieser Gruppe zeigt jedoch mehr als die Hälfte großes oder sehr großes Interesse an Workation – rund 2,2 Mio. Menschen. Das Potenzial bleibt damit erheblich.
Wer Workation macht oder sich dafür interessiert, bevorzugt hierfür klar die Ferienwohnung: 62 Prozent würden dort arbeiten. Hotels folgen mit 30 Prozent, sogenannte Coworking Spaces in Ferienanlagen mit 27 Prozent. Öffentliche Plätze spielen kaum eine Rolle.
Überraschend ist dabei die Wahl des landschaftlichen Umfelds: 51 Prozent bevorzugen städtische Ziele, nur 49 Prozent Meer oder Seen. Berge liegen mit 27 Prozent deutlich dahinter. Besonders beliebt sind Ziele im Mittelmeerraum. Doch Workation muss nicht immer im Ausland sein: Für ein Drittel der Befragten bleibt auch das Inland attraktiv.
SCHWIERIGER KONTAKT ZU EINHEIMISCHEN
Die wichtigsten Workation-Motive sind: höhere Arbeitszufriedenheit, Tapetenwechsel und das Kennenlernen der lokalen Kultur. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass der erhoffte Austausch mit Einheimischen, den sich viele versprechen, oft ausbleibt. Workationer verbringen stattdessen viel Zeit allein. Oder sie bringen von Anfang an ihre Familie oder den Partner mit, um soziale Bedürfnisse abzudecken.
Die FUR-Forscher unterscheiden mehrere Workation- Typen. Dabei dominiert der Work-Life-Balance-Typ: er will einfach Erholung und Arbeit verbinden, ohne großen Fokus auf soziale Kontakte. Für ihn zählen ein besseres Klima, Ruhe und ein effizienter Arbeitsrhythmus.
Bleisure als Chance fĂĽr den Tourismus
Eine neue Untersuchung der IU Internationalen Hochschule zeigt: Die Grenzen zwischen Geschäftsreise und Urlaub verschwimmen rasant. Für den Bleisure und Workation Monitor Deutschland wurden rund 300 touristische Betriebe befragt. Zwei Drittel hatten bereits Gäste, die ihre Geschäftsreise privat verlängerten oder am Urlaubsort arbeiteten. Besonders Bleisure ist weit verbreitet und bringt zusätzliche Wertschöpfung – obwohl immer mehr Unternehmen solche Verlängerungen aus Kostengründen untersagen. Gleichzeitig zeigt die Studie deutliche Lücken: Nur ein Viertel der Betriebe verfügt der IU-Untersuchung zufolge über definierte Bleisure- oder Workation-Angebote. Pauschalen, Preislogiken oder Kooperationen sind selten, viele Aufenthalte entstehen spontan. Auch Destinationen spielen bislang kaum eine Rolle, obwohl 70 Prozent der Befragten überzeugt sind, dass ohne koordinierte Strategien kein nachhaltiger Markt entsteht.
Realitätsschock statt Freiheitstraum
Workation kann ernĂĽchternd sein
Workation klingt nach der perfekten Symbiose aus Laptop, Latte Macchiato und Lebensgefühl. Ja, Corona hat das Konzept massiv vorangetrieben. Und ja, es wird bleiben. Aber vieles daran ist eben auch Hype. Denn machen kann es nur, wer ohnehin remote arbeitet. Für alle anderen bleibt es ein schöner Gedanke. Dazu kommt: Die Kosten verschwinden nicht. Die Miete zu Hause läuft weiter, während man zusätzlich für Unterkunft am Zielort zahlt. Und wer glaubt, Arbeit und Urlaub würden sich elegant verweben, landet oft in der Ernüchterung. Die Grenzen verschwimmen, der Kopf bleibt im Jobmodus, und der erhoffte Kontakt zu Einheimischen bleibt meist oberflächlich. Anders – wenn auch kein Megatrend – wirkt Bleisure. Einen oder zwei Tage vor oder nach der Geschäftsreise dranzuhängen, das gönnen sich deutlich mehr. Ohne Laptop und ohne schlechtes Gewissen. Hotels profitieren, Reisende auch. Vielleicht ist das am Ende die ehrlichere Form der neuen Arbeitsmobilität.
Oliver Graue



