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Transportwege sichern
Quelle: agrarzeitung 48 2025 Heft vom 28.11.2025, Seite


agrarzeitung 48 vom 28.11.2025 Seite 4

Transportwege sichern

Was die Friedenspläne der USA und der EU für den Agrarhandel bedeuten

Frankfurt a.M. Der Friedensplan für die Ukraine hat auch Auswirkungen auf Agrarhandel und Landwirtschaft. Es geht um die Vorherrschaft auf den Transportwegen.

Die britische Tageszeitung Daily Telegraph veröffentlichte am Sonntagabend einen Entwurf des Friedensplans der EU für die Ukraine, der auch von vielen anderen Medien angegriffen und veröffentlicht wurde. Er besteht aus 24 Punkten und wird von der EU als Weiterentwicklung des US-Friedensplans von Donald Trump beschrieben.

Besonders zielt der Plan im Gegensatz zu dem US-Papier auf das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine ab. Am Sonntagabend hatte die Politikwissenschaftlerin Claudia Major der US-Regierung vorgeworfen, ihr Friedensplan sähe die komplette Aufgabe der Souveränität und Verteidigungsfähigkeit der Ukraine vor. Außerdem würde er die weitere Entwicklung der NATO ausschließen.

Gegenposition zu den USA

Relevant für Landwirtschaft und Agrarhandel ist Punkt 20 im EU-Entwurf. Dort heißt es: „Die Ukraine genießt ungehinderte Durchfahrt auf dem Dnipro und die Kontrolle über die Kinburn-Spitze.“ Der Dnipro (auch Dnepr) ist die größte Wasserstraße der Ukraine und die drittgrößte Europas. Die Kinburn-Spitze ist ein wichtiger militärstrategischer Punkt zur Sicherung der Dnipro- Mündung ins Schwarze Meer.

Mit ihrem Plan formulierte die EU eine deutliche Gegenposition zu den USA: In Trumps Friedensplan, der immer stärker im Verdacht steht, eigentlich von der russischen Seite formuliert worden zu sein, sollte die wichtige Wasserader Dnipro jedoch unter gemeinsame Kontrolle von Russland und der Ukraine gestellt werden.

Das US-Papier definiert außerdem die Sicherheit der Schiffstransportwege durch das Schwarze Meer. Das scheint das europäische Papier ohne weitere Erwähnung vorauszusetzen. Der Grund könnte einerseits darin liegen, dass die EU ihr Papier als eine Ergänzung sieht, also nur abweichende Positionen auflistet. Andererseits könnte es auch daran liegen, dass der Getreidekorridor von den Versicherungen mittlerweile als relativ sicher eingestuft wird.

Im Jahr 2022 erreichten die Versicherungsprämien (EWRI- Raten) 4 bis 5 Prozent des Ladungswertes, sind aber heute auf 0,35 bis 0,40 Prozent gesunken. Dies entspricht einem Rückgang um fast das Zehnfache. Vorübergehende Anstiege traten nur bei massiven Angriffen auf, wie beispielsweise im Herbst 2024, als mindestens sieben Schiffe im Schwarzen Meer beschädigt wurden.

Den Prognosen zufolge werden die EWRI-Raten in naher Zukunft im Bereich von 0,35 bis 0,40 Prozent bleiben, mit dem Potenzial, auf bis zu 0,25 bis 0,30 Prozent zu sinken, falls ein Waffenstillstandsabkommen erzielt wird oder sich die Lage im Schwarzen Meer stabilisiert.

Die Kontrolle über den Dnipro dagegen würde Russland erhebliche Macht über die ukrainische Wirtschaft und Infrastruktur verleihen: Die Kontrolle des Flusses würde Russland erlauben, den wichtigen Schiffsverkehr, einschließlich Getreideexporte aus dem Landesinneren zu den Schwarzmeerhäfen, zu blockieren oder für eigene Zwecke zu nutzen.

Die südlichen Regionen der Ukraine, die für die Landwirtschaft (insbesondere Weizen und Sonnenblumen) von entscheidender Bedeutung sind, sind stark auf das Bewässerungssystem angewiesen, das vom Dnipro gespeist wird. Die Kontrolle über diese Wasserressourcen dient auch der Kontrolle der landwirtschaftlichen Produktion in den besetzten Gebieten.

Ein Viertel der Ackerflächen

 Einer der Hauptgründe ist die Kontrolle über die Wasserversorgung, insbesondere für die 2014 annektierte Halbinsel Krim. Der Nord-Krim-Kanal, der sein Wasser aus dem Kachowka-Stausee des Dnipro bezieht, war nach der Annexion von der Ukraine blockiert worden, was zu Wasserknappheit auf der Krim führte.

Russland hat große Getreideanbaugebiete in den südlichen und östlichen Regionen der Ukraine erobert, insbesondere in den Oblasten Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk. Nach Schätzungen der NASA kontrollierten russische Truppen zu diesem Zeitpunkt etwa 22 Prozent der ukrainischen Ackerflächen. Die russische Kontrolle erstreckt sich auf wichtige Agrargebiete wie Cherson und Saporischschja (Anbau von Winterweizen und Sonnenblumen) sowie Donezk und Luhansk.

Weitere Informationen sowie die Friedenspläne im Originalwortlaut: agrarzeitung.de/friedensplan

Olaf Deininger