Immobilien Zeitung 3 vom 15.01.2026 Seite 4
Stressbewältigung für Städte und Kommunen
Kommunale Planung. Die Gefahren für Städte und Gemeinden durch den Klimawandel wachsen. Doch hohe Zuzugszahlen oder Schrumpfungstendenzen bedeuten Stress für das komplexe Gefüge einer Stadt. Ein Stresstest gibt den Kommunen jetzt Aufschluss darüber, wie gut sie aufgestellt sind. Konkret auf Klimarisiken zugeschnitten ist ein Index des Instituts der deutschen Wirtschaft.
Wenn in Berlin die Versorgungssicherheit der Bevölkerung nach einem Brandanschlag in Gefahr gerät oder wenn Küstenorte sich gegen den nächsten Wintersturm wappnen, zeigt sich sehr direkt, wie gut Städte und Kommunen auf akuten Stress und Krisenszenarien vorbereitet sind. Doch die Stressfaktoren sind weit vielfältiger. Hohe Zuzugszahlen, Abwanderungstendenzen, die Sicherheit der Infrastruktur und der Klimawandel gehören ebenso dazu wie etwa die Verschärfung sozialer Ungleichheiten.
Damit Kommunen auf diese Herausforderungen reagieren können, brauchen sie vor allem ein Monitoring, das zunächst einmal den Status quo erfasst. Ein solches hat das Planungs- und Beratungsunternehmen Arup im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zusammen mit dem Projekt- und Kulturberatungsbüro Imorde erstellt.
Der Stresstest für Städte liefert ein datenbasiertes Resilienzmonitoring. „Urbane Resilienz bedeutet, die Daseinsvorsorge der Städte zu stärken und langfristig zu gewährleisten. Dabei geht es um alle Aspekte, die von den Städten selbst proaktiv gestaltet werden können“, erklärt Aurel von Richthofen von Arup.
Hintergrund des Auftrags seien die langfristigen und komplexen Abläufe in Städten. „Um den teils langen Vorlaufzeiten vor Entscheidungen zu begegnen, braucht es ein gutes Monitoring“, sagt der Architekt und Stadtplaner.
Der Stresstest soll als Grundlage für die ämterübergreifende Kommunikation dienen. „Gestartet sind wir mit dem Projekt vor drei Jahren, elf deutsche Städte haben mitgemacht, von klein bis mittelgroß“, erinnert sich von Richthofen. Der Stresstest besteht aus einem quantitativen Teil, ausgehend von Datenpunkten, und einem qualitativen Teil auf Basis einer Selbsteinschätzung der jeweiligen Kommune.
„Anhand von Datenpunkten in den Städten haben wir mehr als 100 Indikatoren bestimmt. Diese lassen sich zu sogenannten Deskriptoren zusammenfassen, welche wir wiederum zu insgesamt zwölf Stressszenarien überführt haben, denen Städte ausgesetzt sind. Von Starkregen und Hitzewellen über die Cyber-Sicherheit in der Infrastruktur bis hin zu etwa der Schrumpfung einzelner Kommunen oder auch Teilbereichen“, beschreibt von Richthofen das Verfahren. Die qualitative Bewertung dieser Szenarien erfolge dann anhand von 150 Fragen mithilfe einer 5-Punkte-Skala, von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kommunen selbst. Den Startschuss könne der örtliche Feuerwehrchef, der Bürgermeister oder auch der Nachhaltigkeitsbeauftragte geben. „Urbane Resilienz ist eine Querschnittsaufgabe, die ein ämterübergreifendes Vorgehen erfordert. Kommunikation über die Abteilungsgrenzen hinweg ist die Grundlage. Leider lassen sich geteilte Verantwortlichkeiten auf Ämterebene schlecht abbilden. Einer muss eben meist den Hut aufhaben und den Prozess initiieren. Dazu dient der Stresstest für Städte“, erklärt von Richthofen.
Perspektivisch soll das Tool europaweit zum Einsatz gebracht werden. Im Vergleich zu anderen Ländern haben die Städte in Deutschland laut von Richthofen durch das föderale System einen großen Vorteil. „Resilienz braucht Redundanz – die haben wir. Die Unterschiedlichkeit deutscher Kommunen ist ein Standortvorteil. Da können zentralistische Systeme wie Frankreich schlechter reagieren.“
Das Tool diene allerdings nicht dazu, eine Art Ranking der Kommunen aufzustellen, sondern helfe, Städten einen Einblick in ihren Resilienzprozess zu geben. Ein Beispiel dafür sei Aachen. „Die Stadt war von Anfang an dabei und hat aufgrund ihrer Kessellage Herausforderungen mit Starkregen. Das ist spezifisch, und die Stadt muss individuell damit umgehen. Inzwischen wurden deshalb Schwammstadt-Projekte angestoßen“, berichtet von Richthofen.
Bei einem anderen Resilienzindikator steht Aachen im Übrigen trotz Kessellage gar nicht schlecht da. Ganz konkret auf die wachsenden Herausforderungen durch den Klimawandel und Unwetterlagen zugeschnitten ist der Klimarisikoindex, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gemeinsam mit der Ergo Versicherung entwickelt hat. Aachen landet dort mit Blick auf die aktuelle Gefährdungslage aller 400 Kreise und kreisfreien Städte unter den Top 20.
Der Klimarisikoindex fasst die Gefährdung durch Hitzestress, Hitzewellen, Wasserknappheit, Dürrestress, Starkregen, Überschwemmung, Sturmflut, Sturm, Tornado und Hagel auf einer Skala von 0 bis 10 zusammen. Für die Berechnung des Ist-Zustands wie auch für eine Prognose der Werte im Jahr 2050 dienen 20 globale Klimamodelle als Grundlage. Sturm, Starkregen und Hitzestress sind laut der Forscher bis 2050 für Deutschland die risikoträchtigsten Naturgefahren. Vor allem Städte und Gemeinden an der Küste oder entlang großer Flüsse seien zunehmend durch die Folgen des Klimawandels gefährdet.
Das größte Risiko besteht nach den Daten heute wie auch im Jahr 2050 in Wilhelmshaven. Dort liegt der Wert bei 5,7 und steigt bis 2050 auf 5,9. Das geringste Risiko herrscht in Kempten im Allgäu. Dort wird der Index bis 2050 von heute 2,8 auf 3,1 steigen. Zwar nehme dort das Risiko für Starkregen deutlich zu, insgesamt blieben die Risiken jedoch gering, fassen die Forscher des IW zusammen.
Unter den sieben Top-Städten in Deutschland herrscht laut Index übrigens in Frankfurt mit einem heutigen Wert von 3,8 das größte Risiko, dicht gefolgt von Düsseldorf mit 3,71. Beiden Städten wird für 2050 ein Wert knapp oberhalb von 4 vorausgesagt. Alle anderen der Top 7 bleiben teilweise deutlich unter diesem Wert.
Robin Lorenz-Göckes


