Lebensmittel Zeitung 9 vom 27.02.2026 Seite 24
Die eiserne Reserve rĂĽckt in den Fokus
Politik und Ernährungsbranche rüsten sich für Krisenfälle – Bundesminister Rainer gibt Vorsorge mehr Gewicht
In der Debatte über eine bessere staatliche Notfallvorsorge verweisen Branchenverbände auf eine Vielzahl von Risiken und Herausforderungen.
Kritis-Dachgesetz, NIS2-Richtlinie für mehr Cybersicherheit und die „Ravioli-Reserve“ sollen Deutschland krisenfester machen. Doch es bleibt noch viel zu tun, damit diese drei Säulen stabil sind. Kim Cheng, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), betont: „Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln ist ein Grundpfeiler gesellschaftlicher Stabilität. Das macht sich unsere Branche zum Ziel.“ Die größten Risiken sieht die BVE erstens bei der Cyber- Resilienz, da mit zunehmender Digitalisierung der Produktion auch die Anfälligkeit für IT-Angriffe steigt. Zweitens starke Abhängigkeit von anderen Sektoren: Ohne stabile Strom- und digitale Infrastruktur stehen etwa Logistik und Kühlketten still. Drittens beobachtet die Ernährungsindustrie laut Cheng wachsende physische Risiken, „durch Extremwetterereignisse und durch vorsätzliche Eingriffe wie Sabotage oder unbefugtes Eindringen in Produktions- und Lagerstätten“. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln steht auch im Fokus der Veranstaltung „Crisis Proof“, die BVE und Lebensmittelverband im März veranstalten.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) möchte Ernährungssicherheit künftig auch im Nationalen Sicherheitsrat beraten. Der Ausbau der Notfallreserve als tragende Säule der Strategie wird intensiv diskutiert. Bisher lagert Deutschland Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis und Hülsenfrüchte. Im Krisenfall müssen diese erst gekocht werden. „Wir wollen die Notfallreserve ausbauen auf verzehrfähige Lebensmittel“, sagte Silvia Breher, Staatssekretärin im Bundesernährungsminister, am Dienstag auf dem „Food Safety Kongress“ in Berlin. Auch an Futtermittel müsse gedacht werde. Minister Alois Rainer (CSU) prägte bereits 2025 das Schlagwort „Ravioli- Reserve“.
Die BVE schätzt die jährlichen Mehrkosten auf bis zu 90 Mio. Euro, zusätzlich zu den derzeitigen 30 Mio. Euro für die Lagerhaltung. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung betreibt bundesweit mehr als 150 geheime Standorte für die Reserve. Die Branche stehe grundsätzlich als Partner bereit, heißt es. Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der BVE, betont: „Die Reserve darf nicht zulasten der Versorgung im Alltag gehen. Eine staatliche Notfallreserve muss klar von der privatwirtschaftlich organisierten Versorgung getrennt werden.“ Die Ernährungsindustrie fürchtet explodierende Kosten und Doppelregulierungen, die gerade mittelständische Betriebe überfordern könnten. Man setzt auf konstruktive Gespräche mit dem Ministerium.
Rainer hat das Thema bei seinem Ressortumbau berücksichtigt. Die Neustrukturierung gilt ab 1. März. Abteilung 2 heißt künftig „Ernährung, Ernährungssicherung, Gesundheitlicher Verbraucherschutz“.
Esther Dilcher, Haushalts- und Ernährungsexpertin der SPD-Fraktion, berichtet, dass der Haushaltsausschuss bereits seit 2024 auf ein mit den Katastrophenschutzbehörden abgestimmtes Konzept des Bundesagrarministeriums zur Reform der Ernährungsnotfallvorsorge warte. Sie könne sich eine Einbeziehung der Lebensmittelwirtschaft vorstellen. Dilcher verweist zudem darauf, dass die grundsätzlichen rechtlichen Fragen zur weiteren Notfallvorsorge bereits im Ernährungssicherstellungs- und -vorsorgegesetz (ESVG) geregelt sind.
Unterdessen werden Rufe nach einer Verankerung der Ernährungssicherheit etwa in Landesverfassungen laut. CDU-Politiker Manuel Hagel, der in Baden-Württemberg auf Winfried Kretschmann folgen wird, will Ernährungssicherheit als Staatsziel in die Verfassung aufnehmen. Dies stärke die Selbstversorgung auch in der Fleischerzeugung, sagte Hagel der LZ. Auch Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Bauernverbandes, urteilte jüngst: „Landwirtschaft muss grundsätzlich als kritische Infrastruktur betrachtet werden, nicht erst im Krisenfall.“
Hans-JĂĽrgen Deglow



