Netzwirtschaften & Recht
Die Energiewende braucht eine stärkere Orchestrierung
Quelle: Netzwirtschaften & Recht 2026 Heft 03-04 vom 18.06.2026, Seite 129

Die Energiewende braucht eine stärkere Orchestrierung

Nachhaltigkeit und Resilienz sind zentrale Gründe, warum wir die Energiewende vorantreiben müssen. Um sie effizienter zu gestalten, gilt es, stärker ihre Orchestrierung in den Blick zu nehmen: Netzpaket, EEG-Novelle, AgNes, NEST-Prozess, StromVKG, Gebäudemodernisierungsgesetz, Umsetzung des EU-Gas-und-Wasserstoff-Binnenmarktpakets, Wasserstoffhochlauf und Wärmeplanung verfolgen jeweils nachvollziehbare Ziele. Aber die vielen parallel laufenden Reformen, die tief ineinandergreifen, müssen intelligent zusammengedacht werden. Für eine erfolgreiche Energiewende müssen wir in eine Richtung laufen.

Der Ausbau der erneuerbaren Energie wirkt auf den Netzausbau. Die Netzentgeltsystematik entscheidet über Investitionen in Speicher, Elektrolyseure und flexible Verbraucher. Die Wärmeplanung ordnet ein, wo Fernwärme-, Gas- oder Wasserstoffnetze wirtschaftlich Sinn ergeben oder wo dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen die Regel sein werden. Und neue steuerbare Leistungen, wie „H2-ready“-Kraftwerke, sichern in Dunkelflauten jene Versorgungssicherheit, auf der Akzeptanz und Wettbewerbsfähigkeit beruhen.

Genau deshalb werden die Abstimmung zwischen Bundeswirtschaftsministerium, Bundesnetzagentur, EU-Kommission und der Dialog mit der Branche zur Zukunftsfrage. Widersprüchliche Signale können wir uns nicht leisten. Während das Netzpaket für Flexibilität und schnellere Anschlüsse sorgen soll, verunsichern Überlegungen zu dynamischen Einspeiseentgelten Investoren. Während das EEG den Ausbau erneuerbarer Energien absichern soll, drohen komplexe Abschöpfungs- und Vermarktungsregeln, die Finanzierungskosten zu erhöhen. Der NEST-Prozess soll Investitionen mobilisieren, doch Investoren zweifeln an der Attraktivität der Bedingungen.

Dabei ist klar: Nur mit massiven Investitionen in Netze, Speicher, flexible Kraftwerke und Wasserstoffinfrastruktur kann die Transformation gelingen. Allein für die Modernisierung der Stromnetze benötigen wir Kapital in historischer Größenordnung. Dies kommt nur, wenn Regulierung verlässlich Bedingungen schafft, die international wettbewerbsfähig und langfristig kalkulierbar sind. Gleichzeitig schafft eine gut orchestrierte Rahmensetzung auch die Grundlage für eine erhebliche Kostenoptimierung des Gesamtsystems.

Das gilt auch für die Wärmewende. Beim Gebäudemodernisierungsgesetz hat man die Verknüpfung mit der kommunalen Wärmeplanung gestrichen, mit offenen Auswirkungen auf die Weiterentwicklung der Gasnetze. Das Gesetz kann nur funktionieren, wenn Wärmeplanung, Netzentwicklung und Dekarbonisierungspfade zusammenpassen. Technologieoffenheit darf im Sinne der Kosteneffizienz nicht zu teuren Mehrfachinfrastrukturen führen. Wo künftig Fernwärme, Biomethan oder Wasserstoff wirtschaftlich verfügbar sind, braucht es frühzeitig Klarheit – für Kommunen, Unternehmen und Verbraucher.

Gleiches gilt für den Wasserstoffhochlauf. Elektrolyseure dürfen nicht wie andere Stromverbraucher behandelt werden. Sie sind potentielle Flexibilitätsanker eines erneuerbaren Energiesystems. Werden Netzentgelte oder Standortsignale falsch gesetzt, verteuert das den Wasserstoff und schwächt unseren Industriestandort.

Die Energiewende braucht eine stärkere Orchestrierung – mit abgestimmten Investitionssignalen, praktikabler Regulierung und einem Fokus auf Systemeffizienz statt Detailsteuerung. Die gute Nachricht: Alle Instrumente dafür liegen auf dem Tisch.

Stefan Dohler*


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Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) e. V.